Prinzip & Hintergrund

Wie kann man heute das historische Fechten überhaupt trainieren ohne sich zu verletzen?

Vielerorts sind heute historische Veranstaltungen zu sehen, die immer wieder zahlreiche Besucher durch historische Kampfdarstellungen in ihren Bann ziehen. Einige Kämpfe sind koriografiert, einige frei, die eine Darstellung ist lustiges Theater, die andere wirkt ernst zu nehmen. Am Ende gehen alle Kontrahenden vom Platz, der Zuschauer ist amüsiert, der Nachwuchs will Ritter werden und probt in der Luft schonmal mit einem Holzschwert.
Doch wie war es wirklich? Können wir es heute überhaupt nachkonstruieren und ein Verständnis von ernst zu nehmendem Schwertkampf entwickeln? Klar ist, wer heute jemanden in einem Duell erschlägt, bekommt die rechtlichen Konsequenzen zu spüren. Alte Manuskripte beschreiben sehr anschaulich effektive Techniken, wie ein Gegner zu besiegen ist. Da ist kein Platz für mittelalterliche Romantik. Schwertkampf ist in seinem Kern lethal, das damit verbundene Kriegsringen brutal und effizient. Versuche, sich diesen Techniken zu nähern, führen nach unserer Erfahrung häufig zu theoretischen Diskussionen über den Ausgang. Ebenso kommt es zu abgewandelten harmloseren Varianten, deren Sinnhaftigkeit hinfällig ist, da sie meist mit nachlässiger bzw. nicht ernsthaft verletzen wollender Intention ausgeführt werden und somit nicht die richtige Reaktion des Gegenübers hervorrufen. Wie also können wir näher an den Kern der Schwertkampfkunst gelangen und ihn erfahren?

 

Blosfechten und Rüstkampf - ein kurzer historischer Abstecher

Über die Jahrhunderte gingen verschiedenste Kampftechniken immer einher mit der Entwicklung neuer Waffen- und Rüstungstechnologien. Wattierte Gambesons halfen gegen stumpfe Schläge, Kettenhemden gegen Schnitte, Plattenrüstungen gegen Stiche - kurz gesagt. Im 12. Jahrundert war das Hiebfechten verbreitet und der Ritter schützte sich vorwiegend durch sein Kettenhemd. Zunächst rüsttechnisch überlegen, änderte sich allmählich die Kampfweise, sodass der Ritter sich auch vermehrt gegen Stiche schützen musste. Das Aufkommen neuer, die Kettenringe aufsprengenden Pfeilspitzen, sorgten schließlich für die Weiterentwicklung hin zu Plattenteilen, die über dem Kettenhemd angebracht wurden. Der Ritter des 15. Jahrhunderts bildet aus heutiger Sicht mit seiner kompletten Plattenrüstung wohl den Höhepunkt schwerer Panzerung. Das Aufkommen des Schießpulvers und die Verbreitung der Armbrust machten die äußerst kostspielige und schwere Rüstung im weiteren historischen Verlauf hinfällig. Man rüstete sich wieder leichter, um agiler zu bleiben und nutzte leichtere und somit schnellere Stichwaffen wie den Rapier oder das Florett.

Den Rüstkampf einigermaßen real nachzuempfinden ist sehr schwierig und recht kostspielig, ja mit den heutigen Gegebenheiten aus unserer Sicht sogar unmöglich. Eine Plattenrüstung hat einen hohen Schutzfaktor. Nicht umsonst wird in zahlreichen Quellen berichtet, wie das Langschwert mit beiden Händen an Griff und Klinge zu greifen und lanzengleich dem Gegner in die Schwachstellen der Rüstung zu rammen ist. Auch ist dort vorgesehen, mit schweren Hiebwaffen so lange auf die Rüstgelenke zu schlagen, bis sie sich mechanisch nicht mehr bewegen lassen. Die überlieferten Hebel und Würfe aus dem Kriegsringen gehen auf direktem Wege einem abruptem Ende der Trainingsstunde bzw. des Lebens entgegen. Ein Antippen mit der flachen Schwertspitze genügt nicht, um den Gegner zu einer Handlung oder einer gewollten Reaktion zu bewegen. Oftmals bleibt ein solcher Treffer im Eifer des Gefechts auch einfach unbemerkt. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass solche Gefechte dazu neigen, sich kräftemäßig aufzuschaukeln und im Ergebnis häufig Verletzungen wie  Prellungen, Zerrungen oder gar Knochenbrüche nach sich ziehen.

Neben dem Rüstkampf ist das Blosfechten in zahlreichen Quellen überliefert und bietet nach unseren Beobachtungen die naheliegendste Möglichkeit, die alten Kampfkünste in unserer heutigen Zeit zu rekonstruieren und nachzuempfinden. Blosfechten meint, bloß der Rüstung zu fechten, wie es unter anderem in Beschreibungen des Bürgerfechtens im 16. Jahrhunder fernab ernster Kriegshandlungen zu finden ist. Als Hauptquelle dafür dienen uns die überlieferten Schriften Joachim Meyers, Freichfechter zu Straßburg, der bis 1571 lebte und sein Streben der Vermittlung der „freyen Ritterlichen und Adelichen kunst des Fechtens in allerley gebreuchlichen Wehren“ widmete.

 

Historisch belegtes Fechten nach Joachim Meyer, Freifechter zu Straßburg

Als Grundlage des historischen Fechtens dienen uns die Manuscripte Joachim Meyers, Freifechter zu Straßburg, der bis 1571 lebte. Meyer beschreibt in mehreren Büchern die Kunst des Fechtens mit dem Langschwert, dem Dusack (einer einhändig geführten Hiebwaffe, ähnlich heutiger Macheten oder schwerer Haumesser), dem Rapier, dem Dolch sowie der Langen Stange (was Prinzipien von Speeren, Kriegshämmern und Helebarden mit aufgreift). Seine Bücher stellen das wohl kompletteste Werk überlieferter Kampfkünste aus dem Mittelalter dar und ist auch heute noch lesbar und - mit ein wenig Gewöhnung an das Mittelhochdeutsch - klar verständlich. In der historischen Fechtszene wird Joachim Meyer jedoch oft kritisch beäugt, zumal es doch auch schon frühere Quellen gibt, deren Inhalte weniger durch Rennaissance-typischen Schöngeist verfärbt und dadurch direkter an der Quelle des Ursprungs scheinen. Außerdem werde bei Joachim Meyer nicht gestochen, was zum Besiegen des Gegners eine indirektere und komplexere Fechtfertigkeit bedarf.
Nach unserer Ansicht sind dazu ein paar Dinge zu berücksichtigen: Zunächst beschreibt Meyer sehr wohl, dass das Stechen in „ernsten Sachen“ anzuwenden, doch für die Anwendung in Fechtturnieren bis aufs erste Blut zu gefährlich sei. Das Stechen im Bürgerfechten war - wie heute auch - gefährlich und führte zu schwersten Verletzungen, die oftmals den Tod nach sich zogen. Somit galt es als Mordversuch und wurde entsprechend geahndet. Auch war es verpönt unter Fechtern, im Bürgerfechten sein Gegenüber schwer zu verletzen oder zu erschlagen. Das passierte zwar, war ärgerlich und schadete sowohl dem Ruf als auch der Geldbörse, doch galt es nicht als Mord. Im Bürgerfechten der Rennaissance war die Kunstfertigkeit und Beherrschung seiner Waffe ausschlaggebend. Für unser Training hat sich gezeigt, dass es für die Struktur und den Aufbau eines Fechtstückes hilfreich ist, auf das Stechen anfangs zu verzichten.
Ein weiterer und auch der wichtigste Punkt, der uns veranlasst hat, Joachim Meyer als Quelle heranzuziehen, ist die Komplettheit seiner Werke. Historische Quellen zu lesen, sie zu interpretieren und daraus ein System zu erkennen ist ein komplizierter Vorgang und zeigt sich in den verschiedenen Auslegungen verschiedener Fechtvereine in ein und der selben Sache. Sind nur Fragmente einer Quelle vorhanden, fehlt oftmals ein Gesamtverständnis in der Anwendung einzelner Techniken. Alles was überliefert ist, wurde auch angewendet und hat seine Berechtigung - das sehen wir als gegeben an. In den Kampfkünsten ist kein Platz für Unnötiges. Die Kunst ist es, aus unserer heutigen Sichtweise die Umstände der damaligen Verhältnisse zu erkennen, die dazu geführt haben mögen, dass dieses oder jenes so oder anders getan wurde. Dazu hilft nebst Wissen über Waffen, Rüstung und Kleidung auch einen Einblick in die gesellschafltichen und gesetzlichen Gegebenheiten zu werfen. Und schon bewegt man sich auf dem Feld von Museen und Historikern mit dem Aspekt der konkreten Anwendbarkeit.
Letztendlich zeigt sich die in der Anwendung und im Austausch mit anderen Fechtern, ob die eigene Interpretation der überlieferten Techniken funktioniert oder nicht,